21. März 2022, von Pia Minixhofer und Martin Hoffmann

„Was seit Jahrzehnten nicht ernstgenommen wurde, die Mahnung eines sparsameren Umgangs mit unseren planetaren Ressourcen, ist seit letztem Donnerstag knallharte Realpolitik. Gas und Öl werden teurer. Nicht nur ist der Preis für die Umwelt bekanntermaßen hoch, auch der Preis für die Politik ist unerschwinglich geworden. Eine Linderung verspricht die Kreislaufwirtschaft. Ein Arbeiten gegen die Entropie. Der Entropiegrad würde die Ressourcen- und Energieverschwendung besser abbilden als CO2-Äquivalente, ist aber noch schwerer greifbar.“

mit diesen (gekürzten) Worten eröffnete Katrin Vohland, Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums (NHM), die Veranstaltung.

Die Veranstaltung „Mind the gap oder Wo ist die Lücke im Kreislauf“ widmete sich der Frage, wie man Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz gemeinsam denken und umsetzen kann und damit auch die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 erreicht. Denn seit der Veröffentlichung des Berichts „Grenzen des Wachstums“ im Jahr 1972 hat sich der weltweite Materialverbrauch vervierfacht. Laut dem Circularity Gap Report werden weltweit nicht einmal 10% unserer Ressourcen einem zirkulären Leben zugeführt.

Die Anwesenden vor Ort im Deck 50 des Naturhistorischen Museums (NHM) und die fast 500 Zuseher*innen online machten diese Hybrid-Veranstaltung zu einer sehr angeregten Diskussionsrunde mit dem Keynote-Speaker Matthew Fraser und dem anschließenden Panel.

Die Aufzeichnung der Eröffnung und der Keynote finden Sie auf Youtube: https://youtu.be/0zNgSfKdjmc

Die Keynote

Matthew Fraser, Lead der Circularity Gap Report initiative, beginnt seine Keynote ebenfalls mit den leicht vorstellbaren CO2 Emissionen. Obwohl es vielversprechende Abstimmungen der verschiedenen Staaten hinsichtlich der Senkung der CO2 Konzentrationen in der Atmosphäre gibt, werden diese Handlungen von heute erst in Jahrzehnten ihre Auswirkungen zeigen. Der exponentielle Anstieg der CO2 Emissionen ist allerdings nur einer von vielen alarmierenden Trends, die wir heutzutage sehen.

Wir leben in einer Zeit der Exponentialität. Alles wächst exponentiell: Treibhausgasemissionen in der Atmosphäre, Trinkwasserverbrauch, Verlust der biologischen Vielfalt, … So sehr wir die Klimakrise in den Griff bekommen wollen, so groß ist auch die Gefahr, dass wir uns nur auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz konzentrieren, auf diese kleinen Hebel, obwohl sie auf die globale Ebene extrapoliert werden. Es besteht die Gefahr, dass wir ein größeres Bild, eine größere Geschichte übersehen.

Matthew Fraser stellt den Circularity Gap Report vor.

Planetare Grenzen und Ressourcengeschichten

Von den neun planetaren Grenzen haben wir mindestens vier schon überschritten. Wenn wir etwas vom Klimawandel gelernt haben, dann, dass ein einfacher Trend eine ganze Reihe von Rebound-Effekten und Rückkopplungsschleifen auf alle möglichen Systeme in der Welt haben kann.

Auf der einen Seite haben wir unsere ökologischen Grenzen, die wir einhalten müssen. Auf der anderen Seite haben wir ein soziales Fundament – Dinge, die wir zumindest auf einem Minimum erreichen wollen und natürlich versuchen, langfristig zu optimieren. Das fehlende Stück dazwischen sind unsere Ressourcen, die Materialien. Es ist tatsächlich eine interessante Ressourcengeschichte, in der wir von einem Jahr zum nächsten Dinge aus der Umwelt nehmen, sie manipulieren, durch verschiedene Produktionssysteme schieben und sie schließlich nutzen, um unsere gesellschaftlichen Bedürfnisse zu erfüllen (Wohnen, Mobilität, Nährstoffe, Waren und Dienstleistungen, Kommunikation, usw.).

Die Entwicklung des Circularity Gap Reports

Der Circularity Gap Report hat sich zu Beginn darauf konzentriert die Zirkularität zu messen. Er hat den Prozentsatz der recycelten Materialien im Verhältnis zum Gesamtinput dargestellt. Doch das war nicht die ganze Geschichte. Die Zirkularität ist ein wichtiger Aspekt, aber genauso wichtig ist es festzustellen, wie man weniger verwenden kann, um dieselbe Leistung zu erzielen. Wie können wir die Dinge verlangsamen, um über die Verlängerung der Lebensdauer von Gütern nachzudenken. Wie können wir mehr aus regenerativen Systemen schöpfen und die Entnahme von nicht erneuerbaren Ressourcen minimieren?

Die eine Prozentzahl der Zirkularität war wichtig, um die Aufmerksamkeit zu bekommen. Jetzt können wir dem Framework folgen und uns fragen: Wie können wir unsere Gesellschaften in Zukunft optimieren? Wie können wir die Ströme innerhalb der Gesellschaft manipulieren, um eine stärker kreislauforientierte Wirtschaft zu schaffen, und wie wirkt sich das auf die Emissionen aus?

Auszug aus dem Vortrag. Einsparungspotential durch Kreislaufwirtschaft.

Circular provisioning system

Eine globale Agenda mit Strategien für die Kreislaufwirtschaft kann die Emissionslücke schließen und uns auf einen 1,5-Grad-Pfad bringen. Dies ist ein großer, aber komplizierter Hebel. Wir sind dabei, die Grundlagen der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht neu zu gestalten. Es ist nicht so, dass wir eine ausgefallene technische Lösung brauchen. Alle Lösungen gibt es heute schon. Was wir brauchen, sind Maßnahmen in größeren Skalierungen, um diese Wirkungen zu erzielen. Die Kreislaufwirtschaft bringt echte und wertvolle Strategien in die Klimadebatte ein, über die nicht wirklich gesprochen wird.

Ein breiteres metrisches Spektrum für Zirkularität

Die Hauptmetriken fokussieren sich auf das (1) Verringern (materieller Fußabdruck), (2) Regenerieren (ökologischer Kreislauf), (3) Langsam sein (Produktlebensdauer) und (4) den Kreislauf (Circular Gap Report Metrik). Sie werden verknüpft mit Metriken der sozialen Grundlagen und planetaren Grenzen, getrieben von Politik und Vorschriften, sozialen und kulturellen Strukturen, Investitionen, Finanzen und Technologie.

Die Frage der Größenordnung wird enorme Investitionen erfordern, unterstützt von einem größeren öffentlichen Bewusstsein. Wir brauchen einen europäischen oder sogar globalen, harmonisierten Markt für Sekundärstoffe.

„Every day over the past decade, you are waking up to the news and you see the worst possible news you could ever imagine, getting worse every day. Focusing on action can be a really worthwhile solution to getting to work and keeping the vision clear on what we need to do. “

Matthew Fraser

Alle Bilder der Veranstaltung finden sich hier: