Dieser Internationale Kongress
veranstaltet von der Universität Innsbruck/Institut für Ideengeschichte und dem Austrian Chapter des Club of Rome

fand am 20. und 21. Oktober 2017
im Palais Franz Stephan, 1010 Wien, Wallnerstrasse 3
statt.

Im letzten Bericht an den Club of Rome von Ernst Ulrich Weizsäcker u.a. „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt“ wird auf die Bedeutung des Aufklärungsdenkens für unsere Welt hingewiesen. Auch der Club of Rome, Chapter Österreich, hat das aktuelle und kontroverse Thema der neuen Aufklärung in den Mittelpunkt seines Kongresses gestellt. Prof. Helmut Reinalter hat in seinem Einleitungsreferat die Dringlichkeit hervorgehoben, eine neue, reflexive Aufklärung zu konzipieren, die die unverzichtbaren Grundlagen der historischen Aufklärung kritisch weiterentwickelt. Die neue Aufklärung versteht sich als unabschließbare Aufgabe und als Denkmodell, als Selbstaufklärung und Selbstwerden durch freies Denken. Sie richtet sich als Selbstdenken gegen angemaßte Vorurteile, Irrtümer, Irrationalismus und Aberglauben, gegen Verabsolutierungen und Ideologien und gegen Dogmen und absolute Wahrheiten. Neue Aufklärung als modernes Denkmodell darf allerdings Aufklärung über sich selbst nicht vernachlässigen, sonst degeneriert sie zur Pseudoaufklärung oder Ideologie und zerstört sich selber. Für die reflexive Aufklärung ist Immanuel Kants Selbstkritik der Vernunft von elementarer Bedeutung. Kant versteht unter Kritik der Vernunft Selbstkritik der Vernunft und meint damit, dass es keine übergeordnete, auch keine göttliche Instanz gibt, vor der menschlicher Vernunftgebrauch zur Verantwortung gezogen werden könne.

Nach diesem Eröffnungsvortrag ging es in weiteren Referaten und Diskussionen um fünf aktuelle Projektfelder des neuen Aufklärungsdenkens: Terrorismus, Verantwortung und globale Ethik, Krise Europas und die Notwendigkeit eines europäischen Toleranzmodells. Zweifelsohne beginnen langsam Politik und Öffentlichkeit in Europa zu verstehen, dass der Terrorismus und die Flüchtlingsfrage zu den größten Problemen unsere Zeit zählen, führte Prof. Udo Steinbach in seinem Vortrag aus. Die eigentliche große Herausforderung durch den Terrorismus liegt vor allem auf einer mentalen, geistig-kulturellen Ebene. Was setzen wir der mörderischen und gewaltsamen Vitalität des Terrors entgegen? Lässt sich aus der europäischen Tradition dazu Zukunftsweisendes formen? Ohne eine überzeugende Antwort auf diese Fragen geht jede Terrorabwehr und Sicherheitspolitik ins Leere.

Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es neben Wohlstand und Überfluss-Gesellschaft auch bittere Armut. Daraus resultiert die Frage, betonte Dr. Valentin Beck, was die Bürger/innen wohlhabender Staaten extrem armen Menschen ethisch schulden. Diese Frage wurde vom Referenten mit einer Theorie der globalen Verantwortung zu beantworten versucht. Dabei handelt es sich um das Konzept einer globalen Gerechtigkeit, die im politischen und individuellen Umgang mit der Weltarmut ein anderes Denken einfordert – eine Korrektur gewöhnlicher Moralvorstellungen.

Über die europäischen Werte im Wandel und die Menschenrechte sowie über Europa als Republik sprachen Prof. Heinrich Neisser und Prof. Ulike Guérot. Ist Europa noch zu retten? Die Idee eines vereinten Europas verblasst Zusehens, der Zusammenhalt bröckelt, sodass sich die Frage stellt, ob es noch Hoffnung für die EU gibt? Weitere grundlegende Fragen müssen unbedingt beantwortet werden:

Wie soll Europa in Zukunft aussehen? Warum Europa eine Republik werden muss. Zur Lösung dieser Probleme ist es hoch an der Zeit, Europa neu zu denken. Die EU bedarf einer radikalen Neuaufstellung und braucht vor allem mehr Legitimität. Soll Europa unter dem innern und äußeren Druck nicht zerfallen, müssen die anstehenden Herausforderungen bewältigt werden.

 

Prof. Clemens Sedmak hat in seinem Schlussvortrag besonders die Notwendigkeit eines europäischen Toleranzmodels angesprochen. In diesem Zusammenhang entwickelte er den Begriff der reflexiven Toleranz, worunter er eine gute Kultur des Zusammenlebens meinte. Europa braucht dringend eine Haltung der Toleranz, die nur verwirklicht werden kann, wenn die Politik über die Fortschreibung der klassischen Instrumentarien der Machtpolitik hinausgelangt. Die Politik und auch die EU erfüllen diese wichtige Aufgabe kaum, da sie vor allem auf die Regelung technischer Systemprobleme ausgerichtet ist. Alle Referate wurden intensiv und auch kontroversiell diskutiert. Teilweise wurden in der Debatte auch interessante Lösungsvorschläge eingebracht.

Die Vorträge und Diskussionsbeiträge werden in einem Kongressband publiziert.

Helmut Reinalter, 24.10.2017

Hier finden Sie das  Programm

Fotos von A. Wejwithan:

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