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Das Ende der Globalisierung

Thomas Schauer

Club of Rome – European Support Centre


Definitionen, die Vorurteile rechtfertigen

Neben den Befürwortern einer weltweiten ökonomischen Vernetzung gibt es eine starke Gegenbewegung, die ein Ende der gegenwärtigen Globalisierung herbeisehnt. Aber wie stabil ist diese befürwortete, geschmähte oder einfach nur hingenommene Globalisierung eigentlich? Ist sie ein Phänomen, das einer Naturgewalt gleich über die Menschheit kam und alles, was sich ihr entgegenstellt, hinwegfegt? Oder ist sie ein Trend, der sich abschwächen und zum Stillstand kommen könnte, den man vielleicht erst dann vermisst, wenn die Folgen seines Fehlens bemerkbar werden?

Im folgenden soll der bisher wenig untersuchten Frage nach der Stetigkeit des Phänomens nachgegangen werden. Dabei stellt sich zunächst das Problem der Definition. Bei einem umstrittenen Phänomen wie der Globalisierung kann es nicht ausbleiben, dass die Definitionen divergieren. Je nachdem, welche realen Trends man unter Globalisierung subsumiert, ist es möglich, die Rechtfertigung einer positiven oder negativen Haltung bereits im Keim anzulegen (Etwa durch Betonung globaler Wohlstandsgewinne oder zunehmender Vermögenskonzentration). Daher soll an dieser Stelle keine finale Definition angestrebt werden, sondern lediglich eine vorläufige Begriffsbestimmung: Unter Globalisierung soll eine Entwicklung verstanden werden, die sich manifestiert durch:
  • eine Intensivierung der weltweiten Kommunikation,
  • eine Erhöhung des Volumens internationaler Finanztransaktionen
  • und eine Zunahme des internationalen Waren und Dienstleistungsaustauschs.
Heute über ein Ende der Globalisierung nachdenken?

Wenn wir die heutige Ära der Globalisierung als neue und irreversible Entwicklungsphase der Menschheit ansehen, so entspringt dies der Überheblichkeit des Zeitalters. In der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Perioden, die man als globalisiert bezeichnen kann, wenngleich sie nicht die gesamte Erdoberfläche einschlossen. Die Streuung der archäologischen Funde römischer Münzen zeugt davon ebenso wie überraschende Daten über Reisegeschwindigkeiten in früheren Zeiten: Die Lokomotivbaureihe 61 beförderte in den 30er Jahren planmäßig Züge zwischen Berlin und Dresden in 102 Minuten über die 176 km lange Strecke (Die schnellste Verbindung, die die Bahn im März 2008 anbot, benötigte 125 Minuten).

Es gab in der Geschichte immer wieder Perioden mit Globalisierungstendenzen und solche, in denen weiter reichende Kommunikation und internationaler Austausch weniger ausgeprägt waren. Daher ist es durchaus angebracht, sich über ein mögliches Ende der gegenwärtigen Globalisierungsperiode und die daraus resultierenden Konsequenzen, sowohl negativer als auch positiver Art, Gedanken und auch Sorgen zu machen.

Die Komplexität der Komponenten

Kommunikation, Finanztransaktionen und Waren- und Dienstleistungsaustauch waren als Komponenten der Globaliserung genannt worden. Diese hängen zusammen und die Interaktionen erlangen Bedeutung, wenn man über die Verletzlichkeit des Phänomens Überlegungen anstellt. Eine Störung in einem Bereich würde nicht nur eine Komponente, sondern das gesamte System in Mitleidenschaft ziehen:
  • Die Intensivierung der weltweiten Kommunikation ist der Katalysator der Zunahme der Finanztransaktionen und des Warenverkehrs. Informationstechnologie macht global verteilte Produktion und Dienstleistungen möglich und erleichtert die Koordination des Transports von Gütern.
  • Die finanziellen Transaktionen werden zwar zunehmend durch den Derivatehandel bedingt, ein Teil geht nach wie vor auf den Handel mit Waren und Dienstleistungen zurück und ohne schnelle Transaktionen wäre dieser Handel nicht möglich.
  • Der Waren- und Dienstleistungsverkehr ist wiederum die Voraussetzung für das Funktionieren der informationstechnologischen Grundlagen. Ein Zentrum der IT-Produktion liegt in China und chinesische Steckernetzteile und Computerbausteine versorgen den ganzen Globus.
Die Verletzlichkeit der Globalisierung

Die Interdependenz der drei Komponenten könnte dann, wenn eine davon ins Stocken geriete, auch die anderen beiden und damit den gesamten Globalisierungsprozess beeinträchtigen und Folgen für alle Beteiligten haben:
  • Die wirtschaftliche Elite wäre besonders tangiert. Sie profitiert am intensivsten von der gegenwärtigen Globalisierungsphase.
  • Aber auch die Bezieher von Transfereinkommen wären betroffen. Wenn man das Versorgungsgleichgewicht in einem geschlossenen System betrachtet, so müssen jeweils diejenigen, die arbeiten können, die Waren und Dienstleistungen bereitstellen, die von den nicht Arbeitsfähigen benötigt wer­den. Durch die Überalterung müssen entweder in Zukunft die wenigen Arbeitsfähigen mehr arbeiten, oder Rentner erhalten weniger Rente, bzw. müssen höhere Preise für knappe Arbeit bezahlen. Angespartes wäre schnell verbraucht. Globalisierung bietet Auswege wie die Kompensation des Bevölkerungsschwundes durch Migration oder die Investition von Ersparnissen in Ländern, die auch in Zukunft hohe Produktivität und Renditen erwarten lassen. Ein Abbruch des internationalen Austauschs würde diese Möglichkeiten jedoch verschließen.
  • Ketten für Billigtextilien und Haushaltsgegenstände florieren in Europa ebenso wie der Verkauf von Unterhaltungselektronik und PCs aus Asien. Blumen werden aus Afrika importiert, Agrarprodukte aus Südamerika. Konsumenten in Europa profitieren von den Angeboten, die dadurch ermöglicht werden, dass ökologische und soziale Standards an den Produktionsorten niedriger sind und der Transport wenig kostet. Müssten diese Produkte wieder zu den in Europa üblichen Lohnkosten hergestellt werden, wäre abgesehen von einem positiven Beschäftigungseffekt eine Erhöhung der Inflationsrate möglich. Die Zeit, die Arbeitnehmer arbeiten müssten bis sie sich ein paar Schuhe leisten könnten, würde sich vervielfachen.

    Globalisierung bis zum bitteren Ende ?

    Wäre es angesichts der negativen Konsequenzen, die eine Verlangsamung der Globalisierung haben könnte, notwendig, gegebenenfalls helfend einzugreifen? Wenn man um die kurzfristige Stabilität des Systems fürchtet, sicherlich, wenn man den Endpunkt des Prozesses betrachtet, jedoch nicht. Die "Globalisierungsmaschinerie" läuft nicht ohne Energie. Energie wird benötigt für die Produktion von Waren, für Transport und für Kommunikation. Der Verbrauch der globalen Computernetze liegt bereits im Bereich des Energieverbrauchs durch den internationalen Flugverkehr.

    Europa hat im Laufe seiner Industrialisierung eine Phase hoher Umweltzerstörung durchlaufen und danach die Schäden beseitigt (mit Aussnahme der CO2 Emissionen). Die "Environmental Kuznets Curve" sieht doch allzu verlockend aus. Global funk­tioniert das Modell aber nicht: Europa hat die globalen Ökosysteme als Puffer verwendet. Wäre das CO2, das Europa seit der Industrialisierung emittiert hat, in der Atmosphäre über Europa verblieben, wären wir durch den Treibhauseffekt zugrunde gegangen. Wenn sich nun die ehemalige Peripherie ähnlich entwickeln möchte wie der alte Kontinent, steht aber kein externer Puffer zur Verfügung und eine ökologische Katastrophe ist absehbar. Wir Europäer blicken derweil stolz auf renaturierte Flüsse und fahren mit "abgasarmen" Autos sinnlos durch die Gegend. Die Grenzen des Wachstums, vor 35 Jahren millionenfach gelesen, sind missachtet worden.

    Die heutigen Globalisierungsprozesse haben eine nicht zu ignorierende materielle Grundlage. Die fossilen Ressourcen der Erde sind limitiert und die Ökosysteme sind nur begrenzt belastbar. Die gegenwärtige Phase der Globalisierung könnte bald Geschichte sein, von zukünftigen Psychologen und Soziologen ob ihrer inneren Widersprüche und sozialen Konflikte ausführlich studiert. In diesem Sinne wäre die Diskussion über eine Krise des Globalisierungsprozesses unter einem anderen Licht weiterzuführen. Eine Krise kann auch als eine Chance gesehen werden, die uns die Möglichkeit gibt, die Folgen eines ohnehin unausweichlichen Endes der Globalisierung in ihrer heutigen Form zu bewältigen und nach Wegen für eine "sanfte Landung" zu suchen. Letztlich wird es darauf ankommen, möglichst viele der positiven Errungenschaften des "globalen Dorfs" zu erhalten und diejenigen Trends, die zur Selbstzerstörung führen würden, aufzuhalten.


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