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Integration - Diversity - Ethos

Uschi Nussbaumer-Benz




Csaba Vargas Metatheorie der Globalisierung betont das integrative Wirken der Globalisierung und postuliert, dass wir am Anfang einer ganz neuen Geschichte stehen. Nicht alles globalisiere sich jedoch, und die konstruktive Seite der Postmoderne sei nicht verwirklicht worden, hiess es im Workshop. Und F. de Bernard zeigte mit seinen Thesen auf, dass man sich sozusagen eine doppelte Brille zulegen müsse, um dem Phänomen gerecht zu werden: So lauteten für mich wesentliche Aussagen des Workshops vom März 2008.

Eingeladen, den eigenen Workshop-Beitrag durchaus prägnant bis provokativ schriftlich auszuführen, wird der vorliegende Text nach kurzer Diskussion der aktuell vielgenannten Begriffe Integration und Diversity auf den Ethos-Gedanken fokussieren - um so vielleicht einen Anstoss zu einer vergleichsweise neuen Geschichte (nach dem nicht eingetretenen "Ende der Geschichte") zu geben.

Während Assimilation auf Homogenität abzielt, wie u.a. die Geschichte von Antisemitismus und Nazismus im Extrem deutlich gemacht haben, beinhaltet Integration, wie auch Marta Fülöp im Workshop darlegte, einen Prozess der Differenzierung, der allerdings auch als Identitätsbedrohung empfunden werden und infolgedessen z.B. zu Antiglobalisierungsaktivitäten führen kann. Integration verlangt nach Auseinandersetzung mit den jeweils anderen Perspektiven und verspricht eine Erweiterung des Gesichtsfeldes auf beiden bzw. allen beteiligten Seiten, so dass Möglichkeiten sichtbar werden, zu neuen, konstruktiven und innovativen Ufern zu kommen - in diversen Lebensbereichen.

Das nicht zuletzt infolge zunehmender Migrations- und Integrationsproblematik auch in Schweizer Wirtschaftsunternehmen aufkommende Diversity-Management will Unter­nehmen für die Vorteile einer - nicht nur ethnisch und religiös-kulturell - vielfältigen Gesellschaft im Rahmen ihres eigenen Betriebes sensibilisieren und unterschiedliche Ein­stellungen, Erfahrungen, Hand­lungen, ungewohnte Sicht- und Vorgehensweisen grundsätzlich wertschätzen - was vielen Menschen schwer fällt, da nicht jede/jeder die Be­reitschaft und die nötigen Fähigkeiten zu Perspektivenwechseln hat und Nutzen für sich selber und den Betrieb daraus zu ziehen versteht. Erfolgreiche multikulturelle Teams, so hat sich gezeigt, nehmen die Unterschiede wahr, vermeiden kulturelle Dominanz und suchen nicht einfach einen Mittelweg; sie einigen sich auf gemeinsame, mit den unterschiedlichen kulturellen Normen und den Zielen des Betriebs vereinbare Regeln. So können sie ihr kreatives Potenzial nutzen und auftretende Konflikte konstruktiv lösen. Mehr oder weniger notgedrungen (Mangel an Arbeitskräften im eigenen Land, Kunden aus anderen Kulturkreisen etc.) könnten Wirtschaftsunternehmen, und zwar nicht nur die grossen "global players", sich so durchaus als veritable Integrationsförderer profilieren.

Einen Schritt in diese Richtung machte auch der dissidente katholische Schweizer Theologe mit Pioniergeist, Hans Küng, mit seinem Weltethos-Konzept, indem er nebst Vertretern der drei wirkungsmächtigsten monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum, Islam, sowie diverser anderer Religionen, auch Unternehmer ansprach, sie für dieses sein Konzept zu gewinnen sucht. Zu erwähnen ist, dass sogar Vertreter des "Neuheidentums" zu den Erstunterzeichnern des Weltethos-Dokuments gehörten. Für Küng bringt das von ihm konzipierte Weltethos eine von den Menschenrechten (die Menschenrechtserklärung wurde - notabene - vom Vatikan nicht ratifiziert) nicht berücksichtigte emotionale Komponente, "das Herz", mit ins Spiel. Küng zufolge können die Religionen der Welt nur dann einen Beitrag zum Frieden der Menschheit leisten, wenn sie sich "auf das ihnen jetzt schon Gemeinsame im Ethos besinnen".

Die Grundlagenforschung, ein zentrales Anliegen des Projekts, heisst es (alle Zitate aus http://www.weltethos.org), "fand ihr erstes großes Resultat in der "Erklärung zum Weltethos", die das Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago verabschiedete und dessen Entwurf unter Federführung von Hans Küng im Institut für ökumenische Forschung der Universität Tübingen entstand." Mit dieser Erklärung haben sich die Unterzeichnenden auf vier Weisungen verpflichtet: auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben; der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung; der Toleranz und eines Lebens in Wahrhaftigkeit; der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau.

Die in dieser Erklärung ausgesprochenen Prinzipien können, so Küng, global von allen Menschen mit ethischen Überzeugungen, religiös begründet oder nicht, mitgetragen werden. Religionen aber können erreichen, "das "Herz" des Menschen zu verändern und ihn zu einer "Umkehr" von einem falschen Weg zu einer neuen Lebenseinstellung zu bewegen. Die Menschheit bedarf der sozialen und ökologischen Reformen, gewiß, aber nicht weniger bedarf sie der spirituellen Erneuerung. Wir als religiös oder spirituell orientierte Menschen wollen uns besonders dazu verpflichten - im Bewußtsein, daß es gerade die spirituellen Kräfte der Religionen sein können, die Menschen für ihr Leben ein Grundvertrauen, einen Sinnhorizont, letzte Maßstäbe und eine geistige Heimat vermitteln. Dies freilich können Religionen nur dann glaubwürdig tun, wenn sie selbst jene Konflikte beseitigen, deren Quelle sie selber sind, wenn sie wechselseitig Überheblichkeit, Mißtrauen, Vorurteile, ja Feindbilder abbauen und den Traditionen, Heiligtümern, Festen und Riten der jeweils Andersgläubigen Respekt entgegenbringen."

Grundlagenforschung als zentrales Anliegen des Welt-Ethos-Projekts: Karl-Josef Kuschel, Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs in Tübingen, Vizepräsident der Stiftung Weltethos und engster Mitarbeiter von Hans Küng betont (forum, Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich, 7 /2008, S. 4 ff.), ein anderes Glaubensverständnis sei "zuerst einmal" als gleichwertig zu respektieren, und da die drei monotheistischen Religionen "miteinander vernetzt sind", könne jede ihren Wahrheitsanspruch beibehalten, was nicht mit einem, dem je eigenen, Absolutheitsanspruch gleichzusetzen sei (z.B. werden Christen "nie aufgeben, dass Jesus Gottes Sohn [und notabene Teil des dreifaltigen einen Gottes] ist und nicht nur einer unter vielen Propheten"). Die Initialzündung ergab sich für Kuschel, als er 1990 in einer Dialog-Gruppe in den USA zum ersten Mal den Namen Abraham von muslimischer Seite hörte. Als zugleich Theologe und Literaturwissenschaftler sucht er seither über gemeinsame Erzählungen eine globale Vernetzung zwischen Judentum, Christentum und Islam zu schaffen.

Es erstaunt, dass diese Nähe erst so spät entdeckt wurde, seitens der Theologen. Freilich: besser spät als nie. Zudem dürften, pragmatisch betrachtet, die Grundsätze des Weltethos-Projekts in einer Welt zunehmender Globalisierung zur Integration von Migranten in bestehende Kulturbereiche wie auch generell zu gegenseitigem Respekt und Toleranz beitragen; zunächst einmal.

Doch dass sie damit, wie von Küng gefordert, auch "selbst jene Konflikte beseitigen, deren Quelle sie selber sind" (und die m.E. langfristig womöglich unterhalb der Bewusstseinsschwelle weiter ihre Wirkung tun werden), sei hier in Frage gestellt. Und zunächst auf eine Äusserung von Michel Bollag, Ko-Leiter des Zürcher Lehrhauses, einer Stiftung für (christliche) Kirche und Judentum, verwiesen, die sich durchaus mit Erkenntnissen betr. erfolgreicher Zusammenarbeit multikultureller Teams (s.o.) deckt: Hans Küng "[...] sieht zu wenig das, was unterschiedlich ist. Letzteres [...] ist vor allem das, was zu Konflikten Anlass gibt. [...] sein Ansatz reicht [...] nicht aus." (forum, Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich, 20/2006, S. 5 ff.)

Eine andere gemeinsame Erzählung wurde von Theologen offenbar noch nicht wahrgenommen: Bereits in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stellte Otto Franke, deutscher Orientalist und Übersetzer des frühbuddhistischen Kanons, fest, wie sehr eine dort wiedergegebene, bereits uralte Erzählung von einem grossen Menschen mit derjenigen vom jüdischen Messias, und d.h. das buddhistische mit dem messianischen Ideal(!), übereinstimmt (und zwar bis in kleine, sonderbare Details; UNB). Offenbar ebenfalls nicht wahrgenommen wurden die erstaunlichen Textparallelen in der Mahdi- und der jüdischen Messias-Vorstellung, die vom Islamwissenschaftler Udo Schaefer Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts aufgezeigt wurden.

Wenn es zutrifft, wie verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben, dass Prägungen Ergebnisse entscheidend mitbestimmen (es "trumpfen Männer bei Aufgaben so richtig auf, die ihnen zuvor als klassische Kerledomäne verkauft wurden. Umgekehrt schneiden Frauen plötzlich besser ab bei Mathe-Aufgaben, wenn man sie im Glauben lässt, einfach nur ein Problem zu lösen - dass es ein im Grunde mathematisches war, blieb ihnen verborgen"; dieses und weitere Beispiele siehe Spiegel Special 1 / 2008, S. 104 ff.), wenn solches also zutrifft, dann dürfte ein ausführlich beschriebenes Detail in jener Erzählung im buddhistischen Kanon langfristig Wirkung zeitigen und eine relativ neue, integrative Geschichte im Rahmen der Globalisierung initiieren: Die Tatsache nämlich, dass einer jungen Frau, einer Hetäre, das buddhistische Rad zugeordnet wird und sie die asketische Wahrheit der Maya-Welt der Buddha-Jünger zu einem Wettspiel herausfordert, sie in einer geradezu postmodernen Wendung (als Frau Sinnlichkeit, somit das Perspektivische signalisierend) unterläuft, sich dabei aber zum Ideal im Sinne der weltbezogenen, politischen und gesellschaftlichen ethischen Prinzipien bekennt, und zwar in einem globalen Kontext. Die Entstehung der grossen Erzählung vom Idealtypus freilich wird vom Indologen Heinrich Zimmer zwischen das dritte und vierte Jahrtausend vor Christus datiert, wo der Beginn der jüdischen Zeitrechnung liegt ...

Fazit: So genannten Kultur-MuslimInnen und Kultur- bzw. säkularen ChristInnen wie JüdInnen und ganz allgemein Nicht-Gläubigen, nicht zuletzt auch aus den in jüngerer Vergangenheit atheistisch geprägten Weltgegenden und inkl. der streitbaren aktuellen Atheisten (Humanisten) meist angelsächsischer Prägung, präsentiert sich damit eine neue Möglichkeit grundlegend facettierter Identität im global vernetzten neuen alten Ideal, dem sich auch traditionell Gläubige verpflichten dürften, die persönlichen Sinn und Halt in ihrem Gottes-Glauben finden.


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