Sozialkapital im Internet
Empirische Resultate


Ernst Gehmacher

     Prof. Dr. Ernst Gehmacher
     BOAS, Austrian Chapter
     des Club of Rome





Aus den vorliegenden Sozialkapital-Studien des BOAS liegen zwei Datensätze vor, die völlig unterschiedliche Computer-Nutzungen betreffen:
  • die Präferenz für Computer-Spiele unter 10 bis 15 jährigen SchülerInnen: Die Präferenz für Computerspiele ist bei jenen Jugendlichen am stärksten, die weniger Sozialkapital im Freundes- und Bekanntenkreis haben (Ersatzfunktion negativ).
  • die Frequenz vom Internet-"Chatten" in vier ländlichen Gemeinden: Internet-"Chatten" (im ländlichen Raum) kann als schwache Form von Sozialkapital mit positiven Effekten verstanden werden, ist aber weitaus schwächer als "bei Veranstaltungen Leute treffen" (Ersatzfunktion positiv).

Hauptergebnisse einer österreichweiten repräsentativen SchülerInnenbefragung

Insgesamt gibt es bei den Jugendlichen 30%, die "sehr gerne" Computerspielen. Allerdings werden jene Jugendliche, die weniger soziale Kontakte aufweisen, deutlich mehr von Computerspielen angezogen. Während jene SchülerInnen, die innerhalb der Woche ein paar Mal ihre FreundInnen treffen, zu 28% "sehr gerne" ihre Zeit vor dem Computer mit Spielen verbringen, sind es bei jenen, die keine FreundInnen haben, 43%. Für jene, die über viel positives Sozialkapital in Form von sozialen Kontakten verfügen, ist die Freude am Computerspielen nicht so dominant.

Effekte lassen sich auch hinsichtlich des Vorhandenseins von negativem Sozialkapital feststellen. Dieses wurde anhand der Anzahl der MitschülerInnen, vor denen man Angst hat, gemessen. Bei jungen Leuten, die vor vier und mehr MitschülerInnen Angst haben, spielen 48% sehr gerne Computer, während jene, die keine Angst haben, nur zu 31% sich vom Computerspielen faszinieren lassen.

Auch die Beziehung zu den Eltern sowie zu LehrerInnen und deren Wirkung auf das Computerspielen wurde in die Analyse einbezogen. Für die Attraktivität des Computerspielens ist es relativ unerheblich, ob das Verhältnis der SchülerInnen zu ihren Eltern gut oder schlecht ist. Jene, die sich mit den Eltern gut verstehen, spielen zu 31% "sehr gerne" mit dem Computer, jene, die wenig Verständnis finden, zu 33%. Bemerkenswerte Unterschiede zeigen sich jedoch hinsichtlich des Verhältnisses zu den LehrerInnen. Hier sind es immerhin 36%, die angeben, viel Verständnis bei LehrerInnen zu finden und "sehr gerne" Computer zu spielen. Bei jenen, die wenig Verständnis bei LehrerInnen finden, liegt der vergleichbare Wert bei 29%. Eine mögliche Erklärung für dieses Ergebnis könnte sein, dass jene, die sich gut mit den LehrerInnen verstehen, weniger soziale Kontakte zu den MitschülerInnen haben. Dass eine fehlende Freude am Schulbesuch die Lust am Computerspielen fördert, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen. Sowohl bei jenen, die gerne in die Schule gehen als auch bei jenen, die sich überwinden müssen, beträgt der Anteil ungefähr ein Drittel (30 zu 35%), die "sehr gerne" Computerspielen.

Regelmäßiges Vereinsleben steht mit dem Computerspielen ebenfalls nicht im Konflikt. Von jenen, die regelmäßig am Vereinsleben teilnehmen, spielen 33% gerne mit dem Computer, bei jenen, die nicht beständig in Vereinen und Organisationen mitmachen, sind es 30%.

Es zeichnen sich hier in den Beziehungen zu FreundInnen und MitschülerInnen die Umrisse eines individualistischen Infotainment-Lebensstils ab, der die emotionalen persönlichen Bindungen ersetzt (und damit auch verdrängt), aber neben der Computer-Spielsucht locker organisierte Geselligkeit gegen die totale Vereinsamung nützt. Ein suboptimales, aber noch nicht defizientes Sozialkapital ist damit zu erreichen – so dass die „Gefühlsbilanz“ nicht ganz negativ ausfällt.

Hauptergebnisse der Befragung "Ländlicher Raum"

Die vorgestellten Ergebnisse basieren auf Daten aus der Studie "Sozialkapital im ländlichen Raum". Befragt wurden Personen ab dem 15. Lebensjahr.

Internet-Chatten hat hier als Sozialkontakt-Technik das Briefschreiben schon fast überholt. Immerhin 6% chatten "oft", während nur 4% "oft" Briefe schreiben. Nimmt man die Kategorie "manchmal" dazu, überwiegt freilich der Anteil jener, die nach alter Manier einen Brief schreiben (24% : 32%). Doch hier auf dem Land trifft man sich immer noch weit eher bei Veranstaltungen (37%), beliebt sind ebenfalls lange private Telefongespräche (18%).

Abb. 1: Verschiedene Sozialtechniken im Vergleich (in %)
BOAS Befragung "Sozialkapital im ländlichen Raum"
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Gehmacher Grafik Sozialtechniken
Quelle: BOAS Befragung „Sozialkapital im ländlichen Raum“


Chatten ist sozial, völlig Vereinsamte suchen nicht übers Internet menschliche Beziehungen - da gehen sie noch eher zu Veranstaltungen (wenngleich auch seltener). Sehr gute Beziehungen entstehen durch das Chatten nicht. Da sind Veranstaltungen sozial viel förderlicher. Auffällig ist, dass Internet-Chatten auch mit der Berufs-Zufriedenheit keinen Zusammenhang aufweist, während Veranstaltungen deutlich berufsrelevant erscheinen.

Das könnte im urbanen Milieu anders sein. Im ländlichen Raum nützt man Veranstaltungen gern und oft auch beruflich. Privates Internet-Chatten führt hingegen wohl eher bei intellektuellen und technischen Berufen zu Arbeitskontakten als im ländlichen Milieu. Anders bei politischer Partizipation: Da spielt das Internet-Chatten offenbar auch in den Landgemeinden eine förderliche Rolle – und diese ist in der Relation nicht geringer als die Korrelation zwischen politischer Partizipation und Veranstaltungsteilnahme.

Sozialkapital macht glücklich, frohe Menschen sind eher gesellig. Das bestätigt sich auch hier sehr deutlich beim Veranstaltungsbesuch: 47% der "sehr gut" Gestimmten nehmen oft an Veranstaltungen teil - aber nur 11% der "Unglücklichen". Aber die "Unglücklichen chatten dafür öfter - genau so oft wie sie zu Veranstaltungen gehen (11%).

Auch Internet-Chatten kann Trost bieten. Doch die Glücklichen chatten auch. Die Online-Geselligkeit bietet auch Selbstentfaltung - für einige.
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Gehmacher Grafik Sozialtechniken Grundstimmung
Quelle: BOAS Befragung „Sozialkapital im ländlichen Raum“


Übrigens, Internet-Chatten ist in dieser ländlichen Population vor allem eine Domäne der Jungen (unter 20 J.), die zu über 50% Chat-Erfahrung haben. Immerhin zu 29% nutzen noch die 21-30-Jährigen den Chat als Kommunikationsmittel. Bei den älteren Personengruppen ist dieses Medium noch weniger verbreitet. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den 31-40-Jährigen (19%), 41-50-Jährigen (22%) und 51-60-Jährigen (15%) nur gering. Erst ab 61 ist es eine verschwindende kleine Gruppe von 3%, die diese Form des Sozialkontaktes genutzt hat.

Demgegenüber lassen sich zwischen den Altersgruppen, wenn es um die Teilnahme bei Veranstaltungen geht, viel weniger Unterschiede feststellen. Diese Geselligkeitsform wird zu 100% von den Jungen (unter 20 J.) gepflegt. Erst danach wächst der Prozentsatz jener an, die Veranstaltungen "nie" besuchen. Allerdings überschreitet er die 10% Hürde erst ab dem 61. Lebensjahr und erreicht hier ein Ausmaß von einem Fünftel (20%). Das heißt, auch im Alter erfreuen sich noch viele Menschen an Veranstaltungen als Form der Sozialkontakte.