Wir alle kennen diese Wecker, die ganz leise summen, damit man sanft aus dem Schlaf geweckt wird. Und wenn wir vorausdenkende und
ordnungsliebende Menschen sind, dann stehen wir auf und machen uns nach Morgentoilette und Frühstück auf den Weg, um zeitgerecht und
wohl vorbereitet unser Tageswerk zu beginnen. Manchmal aber schalten wir den Wecker ab, drehen uns um und schlafen weiter.
Dann läutet er noch einmal, etwas lauter, und wir diskutieren die Notwendigkeit, sofort aufzustehen, innerlich weg.
Wir haben ja so viel Spielraum eingeplant und brauchen nicht viel Zeit für die Toilette und auch das Frühstück geht
notfalls viel schneller. Am Ende wird der Wecker aber so laut, dass wir ihn nicht mehr überhören können. Wir stehen
hastig auf, beim Kaffeetrinken zwischen Herd und Ausgangstüre batzten wir die Kleidung an, nehmen das Auto, weil es
sich für die „Öffis“ scheinbar nicht mehr ausgeht, kommen zu spät, da wir keinen Parkplatz finden und letztendlich geht alles daneben.
Bezüglich des Klimas hat der Wecker geläutet. Es hat Vorzeichen gegeben, die sehr früh gezeigt haben, dass es Zeit wäre, aufzuwachen. Seit 1958
haben wir die Messungen, die zeigen, dass die CO2-Konzentrationen ständig steigen. 1971 wurde gewarnt, dass die Temperatur bis ins Jahr 2000
um ein halbes Grad global steigen würde. Und dann hat 1972 der Wecker deutlich geläutet. Der Bericht an den Club of Rome über die Grenzen des
Wachstums hat ganz klar gezeigt: in einem begrenzten System kann es kein unbegrenztes Wachstum geben. Wenn wir trotzdem so tun, als ob das
möglich wäre, kommt es zu einem Zusammenbruch des Systems, des Klimas und des globales Ökosystems.
Die Menschheit hat sich umgedreht, den Wecker abgedreht, und bis zu einem gewissen Grad weiter geschlafen. Der Wecker ist lauter geworden. 1985 hat es die Villacher Klimakonferenz gegeben, bei der die Wissenschaft zum ersten Mal nicht nur gesagt hat: Achtung, es wird wärmer! Wir bekommen ein Problem, sondern bei der sie gefordert hat: Wir müssen etwas tun! Es hängt von den „Policies“ ab, wie sich unsere Zukunft gestalten wird. Und es gab erste Reaktionen: Es hat 1988 die Toronto-Konferenz gegeben, es ging weiter in Richtung Klimarahmenkonvention. Es hat Kyoto gegeben, das Protokoll wurde schließlich völkerrechtlich verbindlich. Nachhaltigkeit ist zum Begriff geworden, den fast jeder kennt und Peak Oil ist kein Tabuthema mehr.
Die Signale sind lauter geworden. Es hat sich etwas getan und es sind einige aufgewacht. Aber es haben natürlich auch die Diskussionen angefangen, warum wir doch noch nicht aufstehen müssen. Es gibt die „Klima-Skeptiker“, in deren Handbuch steht: Wir müssen nicht diese Szenarien widerlegen. Es genügt, wenn wir die Zweifel aufrecht erhalten. Es gibt verschiedene Argumente gegen die „Grenzen des Wachstums“: Die Grenzen sind viel weiter als bisher angenommen, wir haben ja noch Reserven entdeckt, an die wir nie gedacht haben. Der Zeitpunkt des Zusammenbruchs kommt viel später. Wie neulich Vaclav Klaus gesagt hat, mindestens 70 Jahre dauert es sicher noch (Als ob das eine Beruhigung wäre!). Und es wird argumentiert, es wird technologische Lösungen für das Problem geben oder es wird behauptet, der Markt wird es lösen. Und sogar: Der Klimawandel geschieht ohnehin, wir müssen uns eben anpassen (Aber was ist dann, wenn die Grenzen der Anpassungsfähigkeit überschritten werden?)
In meinen Gesprächen treffe ich auf Menschen mit all diesen Argumentationen. Schlafen wir also immer noch? Warum brauchen wir sonst den neuerlichen Weckruf, den Dennis Meadows mit seinen Co-Autoren mit dem 30-Jahre-Update gestartet hat? Liegt es daran, dass wir es nicht wissen oder daran, dass wir es nicht zur Kenntnis nehmen? Unsere Reaktion auf den Klimawandel, symptomatisch für viele andere Bereiche, wo wir die Grenzen überschreiten, steht in keinem Verhältnis zur Bedrohung und zur Dringlichkeit des Problems. Es scheint so, als ob das Umdenken, das notwendig ist, um hier wirklich Konsequenzen zu ziehen, so schwer ist, dass uns alle Arten von Ausreden einfallen. Es handele sich um Wetterkapriolen, es habe so etwas Zufälliges, es habe keiner Schuld daran. Wir verdrängen es, wir verleugnen, dass wir die Verursacher sind. Es gibt so viele andere, die auch etwas tun könnten, und nichts tun. Eine Fülle von Reaktionen, die der Psychologie bekannt sind, wenn eine moralische Anforderung an uns gestellt wird, die wir eigentlich nicht erfüllen wollen.
Und wie steht es mit der Wissenschaft? Die Wissenschaft muss sich von einer Uhr, die nur die Zeit anzeigt, zu einem Wecker entwickeln,
der laut genug läutet. Dieser Paradigmenwechsel ist in der Wissenschaft noch nicht vollzogen. Viele WissenschaftlerInnen sind nach wie vor der Meinung,
dass es genüge, wenn sie in Fachzeitschriften publizieren was sie gefunden haben und dass sie nicht verpflichtet sind, darauf hinzuarbeiten dass diese
Information auch zu denjenigen kommt, die damit etwas anfangen können und sollen. Und natürlich stellt sich die Frage, ob ein Wecker überhaupt
genügt oder ob wir nicht jemanden brauchen, der uns einfach die Decke wegzieht und sagt, jetzt ist es wirklich Zeit zum Aufstehen!
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