Die Frage „Haben wir 30 Jahre geschlafen?“ ist aus meiner Perspektive mit einem klaren Nein zu beantworten.
Aber wir waren vielleicht etwas blauäugig und haben geglaubt, dass die Probleme mit den klassischen Steuerungsmechanismen
der Politik innerhalb einer Stadt in den Griff zu bekommen wären. Als Beispiel möchte ich das Klimaschutzprogramm der Stadt
Wien anführen. Es ist 1999 mit großer Mehrheit im Wiener Gemeinderat und im Landtag beschlossen worden. Es ist ein sehr
ambitioniertes 10-Jahres Programm, bei dem alle zwei Jahre berichtet werden muss, inwiefern die Ziele eingehalten werden.
Wir haben in fünf großen Feldern mit 36 Untergruppen über den gesamten Handlungsbereich der Stadt Wien Maßnahmen festgeschrieben,
in dem guten Glauben, dass diese ausreichen würden, das Kyoto-Ziel zu erreichen.
Doch was ist in der Zwischenzeit geschehen? Die einzelnen Programmteile funktionieren zwar tadellos, wir sind erfreut darüber, wie stark die
Partizipation unsererer Partner ist und um wieviel die Programme sogar weiter wirken als wir glaubten. Wir sparen jährlich 2,4 Millionen Tonnen
CO2-Emissionen ein. Wien ist mit 5,7 Tonnen die Stadt mit den niedrigsten pro-Kopf Emissionen von Treibhausgasen in Österreich. Der Durchschnitt
in der Republik liegt bei 11,2 Tonnen und der Durchschnitt in der EU bei etwa 15 Tonnen und die Situation jenseits des Atlantik möchte ich in
diesem Zusammenhang gar nicht kommentieren. Wir sind, was die Einzelbereiche betrifft, im Großen und Ganzen zufrieden und nehmen trotzdem wahr,
dass im Jahre 2006 die Ziele, die wir als Allgemeinziele definiert haben, nicht erreicht werden.
Der Einfluß einer Stadt ist letztlich beschränkt. Die Euphorie, die wir am Beginn hatten, wich der Einsicht, dass unsere eigenen Stellschrauben wie die
spezifische Einkaufspolitik, die Fernwärme und viele anderen Bereiche bei weitem nicht ausreichen. Da ist zum Beispiel die Frage des Verkehrs: Zwei Drittel
der Bevölkerung, die Wien als Ziel- und Quellgebiet haben, sind mit dem Umweltverbund, d.h. zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.
Wir haben das Klimaschutzprogrammziel einer Verdoppelung des Radfahrens bald erreicht. Wir waren 1999 bei 4% Radfahranteil und sind jetzt in Wien schon über 6%
und werden sicherlich in wenigen Jahren 8% erreichen. Aber all das hilft wenig, wenn wir uns zu vergegenwärtigen haben, dass der öffentliche Personennahverkehr
in der Region ausgedünnt wird und bei den Einpendlern in Wien das Verhältnis umgekehrt ist und nur ein Drittel mit dem Umweltverbund kommt und zwei Drittel mit dem Auto. Ein zweiter Grund, weshalb wir die hochgesteckten Ziele nicht erreichen werden, ist der Energieverbrauch, der weiter steigt und den wir nicht ausreichend in den Griff bekommen haben.
Wir finden hier auch sehr unterschiedliche Sichtweisen in einem Europa, das im Westen und im Zentrum einen sehr hohen Grad der Industrialisierung und des
Wohlstandes erreicht hat und das in seinem östlichen Teil durchaus berechtigt versucht, durch starkes Wachstum an Wohlstand und Lebensqualität zu gewinnen.
Es gibt einen Nachholbedarf der neuen EU-Partner, die aber mit ihrem Wirtschaftswachstum oft nicht auf dem ökologisch höchsten Level nachziehen.
Den Klimawandel positiv zu beeinflussen ist daher auf der Ebene einer Stadt trotz massiver Anstrengungen und beachtlicher Erfolge sehr schwierig.
Wir haben für ein mögliches Folgeprogramm gelernt, dass wir unsere Zielsetzungen auf diejenigen Bereiche reduzieren müssen, die sich unter unserem
direkten Einfluss befinden.
Nun freue ich mich, mit Dennis Meadows, der sich seit 30 Jahren Gedanken zum Thema Wachstum und Umwelt macht, diskutieren zu können und zu hören,
welche Konsequenzen aus dem Update der "Grenzen des Wachstums" er präsentieren wird. Die Stadt Wien arbeitet sehr gerne mit dem Austrian Chapter des
Club of Rome zusammen. Wir haben viele Projekte, die wir gemeinsam vorantreiben und die wir auch in Zukunft vorantreiben wollen und freuen uns, dass
der Club of Rome eine innovative Rolle im wissenschaftlichen Betrieb und in der Kommunikation in unserer Stadt leistet.
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